#Klimastreik und #FridaysForFuture: die Suche nach dem Bösewicht

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#Klimastreik und #FridaysForFuture: die Suche nach dem Bösewicht

Am 20. September 2019 war ich gepflegt streiken und demonstrieren. Das war für mich, der Umwelt- und Tierschutz und Nachhaltigkeit am Herzen liegen, Ehrensache. Dennoch hatte ich bei einigen der skandierten Sprechhöre und gelesenen Sprüche ein unangenehmes Gefühl. Und es taten sich viele Fragen in meinem Kopf auf, etwa: Machen es wir uns nicht zu einfach – in vielerlei Hinsicht? Und vor allem: Machen wir uns nicht selbst kleiner als wir sind?

Gestern war ich beim #Klimastreik in Köln – für mich, der Umwelt- und Tierschutz und Nachhaltigkeit am Herzen liegen, Ehrensache. Es war ein erhebendes Gefühl, mittendrin zu sein und zu erleben, wie viele – die Veranstalter*innen sprechen von 70.000 Menschen – durch die Stadt gezogen sind und ihrer Forderung nach mehr Klimaschutz so laut wie kreativ ausgedrückt haben: in Sprechchören und auf bunten Plakaten. Vielleicht wird die FridaysForFuture-Bewegung in die Geschichte eingehen als die bedeutendste Bewegung der 20er-Jahre des 21. Jahrhunderts.

Dennoch mache ich mir seit gestern ein paar auf den ersten Blick weniger positive Gedanken, ausgelöst durch das, was ich gehört und gesehen habe.

Insgesamt waren die Rollen sehr klar verteilt: Gut gegen Böse.

gut = wir Demonstrant*innen

gut = regenerative Energien

böse = die Energieunternehmen

böse = das Geld

böse = die Politik, allen voran Donald Trump

Das ist mir viel zu einseitig und undifferenziert. Und:  Mit solch negativen Bildern ist niemandem geholfen, am allerwenigsten dem Klima.

Natürlich wurde die Kohle kritisiert („Grünkohl statt Kohle“ war z. B. auf einem Plakat zu lesen) und mit ihr die Unternehmen, die Kohle abbauen – „nur für ihren Profit“, so ein Sprechchor. Natürlich ist Kohle eine CO2-Schleuder und ineffizient dazu und sollte daher nicht mehr als Energiequelle genutzt werden. Und selbstverständlich ergeben erneuerbare Energien eine „saubere“ Energiebilanz als fossile Brennstoffe. Dennoch sehe ich hier einige Haken:

  1. Was ist so schlecht am Geld?
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Klimastreik Köln: Wirtschaft und mit ihr die Lobbyist*innen sind alle böse (Bild: Inga Beißwänger)

Firmen machen Profit, und Profit = Geld. Und Geld ist weder gut noch schlecht. Es ist nur ein Tauschmittel, auf das sich Gesellschaft und Wirtschaft irgendwann mal aus praktischen Gründen geeinigt haben. Erst, was Firmen und damit auch Menschen mit dem Geld machen, KANN verwerflich sein, muss es jedoch nicht. Das Geldmachen allein ist es nicht. Menschen, die der Meinung sind, dass Geld per se schlecht ist, sollten sich nicht wundern, dass sie so wenig davon haben. Denn sie werden alles tun – meist unbewusst – um Geld von sich fernzuhalten. Denn wer will schon etwas haben, das schlecht ist? Doch wem ist damit geholfen? Der Umwelt, dem Klima bestimmt nicht.   

Und wer bestimmt eigentlich, was genau verwerflich ist? – Eine Gesellschaft, die sich abhängig macht von Firmen, und das gilt ganz besonders für Energiefirmen. Nebenwiderspruch ahoi.

  1. Wir sind es selbst, die uns abhängig machen – und dann gegen unsere selbst gelegten Ketten protestieren.
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Fällt Entscheidungen – das gilt nicht nur für Politiker*innen! (Bild: Inga Beißwänger)

Warum abhängig? Aus mehreren Gründen, die nicht nur, jedoch ganz besonders auf den Energiesektor zutreffen:

– Noch immer beziehen die allermeisten Menschen in Deutschland ihren Strom von einem der fünf großen Konzerne oder ihrem regionaler Versorger. Ich vermute mal, dass unter den 70.000 Demonstrant*innen ein paar dabei waren.

Dabei steht es uns allen FREI, zu einem anderen Anbieter zu wechseln, der z. B. nur erneuerbare Energien im Angebot hat. Warum tun so viele das nicht? Und gehen dann auf die Straße, um gegen den zu demonstrieren, dem sie – Achtung, Achtung – das eigene, „sauer verdiente Geld“ geben? Widerspruch über Widerspruch.   

– Und wer ist es, wer das meiste Geld hat, um – Achtung, Achtung – Windkraft-, Solaranlagen und andere regenerative Energiequellen aufzubauen? Ach ja, die bösen, bösen Konzerne … Und wenn der auf diese Weise zentral produzierte Strom (mit Verlusten) durchs Land geschickt wird, isses vielen uns auch wieder nicht recht. Ja was denn nun?

– Dabei gibt es eine mögliche Lösung, mit der die beiden Herausforderungen auf einmal angegangen werden könnten: dezentrale Stromversorgung durch – aktuell – erneuerbare Energien. Dass es noch bis vor kurzem verboten war, eine „Plugin“-Solaranlage bei sich zu Hause zu betreiben, ist natürlich verwerflich. Doch seit kurzem kann jede*r sogar zumindest einen Teil des Stroms selbst erzeugen.

– Warum schreibe ich „aktuell erneuerbare“ Energien? Wie gesagt sind diese natürlich um Längen besser als fossile Brennstoffe. Dennoch bringen sie auch so einige Herausforderungen mit sich, die nicht kleiner werden, wenn sie mehr im Einsatz sind, etwa: Woher kommen die Rohstoffe und unter welchen Bedingungen sozialer und ökologischer Art werden sie gewonnen? Wie viel Energie muss zur Herstellung aufgewendet werden und woher stammt diese? Aus der Steckdose bekanntlich nicht …     

Und wie wird eine Anlage oder ein (Hybrid-)Elektromotor recycelt? Vor einigen Jahren hat sich sogar Greenpeace gegen Elektroautos ausgesprochen, da Elektromotoren kaum bis gar nicht recycelt werden können. Das mag sich inzwischen verbessert haben, dennoch gehören zur Energie- und Umweltbilanz auch Herstellung und Recycling sowie Transport.  

  1. Wissen ist Macht (ob mit oder ohne Verschwörungstheorie)
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Bild: Inga Beißwänger

Sind regenerative Energien der Weisheit letzter Schluss? Das weiß aktuell niemand. Daher muss das gute, gute Geld auch in Forschung investiert werden. Auch hier können wir es uns natürlich einfach machen und die Verantwortung dafür an Politik und Wirtschaft abgeben. Und dann auf diese schimpfen, wenn sie nicht das machen, was wir wollen. Wie ein kleines, bockiges Kind, das auf den Boden stampft, weil es die Schokolade nicht bekommt. Wen werden wir Erwachsene mit dieser Haltung beeindrucken?

Wie wäre es stattdessen, wenn wir uns auch hier unserer Macht bewusst werden und unsere Kreativität anders nutzen? Etwa dafür, alternative Finanzierungsformen zu finden, die die Forscher*innen unterstützt und Forschung dann wirklich unabhängig macht.

Es gibt ja die Theorie, dass schon Nikola Tesla um die vorletzte Jahrhundertwende herum eine unerschöpfliche und kostenlose Energiequelle entdeckt hat. Er nannte sie Raumenergie, heute ist dafür auch der Begriff „freie Energie“ im Umlauf. Tesla forschte dazu, wie wir die Energie, die überall um uns herum, eben im Raum ist, umwandeln und für die Energiegewinnung nutzen können. Es soll auch nach ihm Forscher*innen gegeben haben, die genau an dieser Sache dran waren, jedoch in ihrer Forschung massiv behindert wurden – bis hin zur Zerstörung ihrer Labore. Ob das wirklich stimmt oder nur eine Verschwörungstheorie ist, vermag ich nicht zu sagen. So oder so folgere ich daraus:

– Vielleicht gibt es noch weitere Möglichkeiten, Energie zu gewinnen. Und vielleicht schränken wir uns durch die Fokussierung auf erneuerbare Energien zu sehr ein. Ganz bestimmt wäre hier mehr möglich, wenn wir uns unserer Macht bewusst wären und unseren Horizont erweiterten.   

– Dass die Forschung beachtet werden soll, war auch auf einigen Schildern zu lesen, vermutlich in Anspielung auf Donald Trump und alle Menschen, die den Klimawandel negieren. Doch gleichzeitig gilt die Forschung zur freien Energie (siehe z. B. Wikipedia) als esoterische Spinnerei und damit als unwissenschaftlich. Könnte man und frau sich auch mal fragen, woher das kommt und ob das so richtig ist …

Außerdem:

– Wir sind schon jetzt eine Wissensgesellschaft, und es wäre verwerflich, die Möglichkeiten für mehr Wissen einzuschränken. Denn Wissen ist Macht und Geld. Und beides ist nicht an sich nicht böse, sondern können wir positiv nutzen – wenn wir uns dafür entscheiden.

Fazit:

Es ist richtig und wichtig, dass Menschen sich für eine Sache einsetzen. Auf die Straße zu gehen hat immer etwas Ermächtigendes.

Power to the people. „People have the power“, wie Patti Smith schon in den 70ern sang. Auch das wurde skandiert. Wir sind mächtiger als den meisten (auch von uns selbst) lieb ist.

Und wenn wir schon bei Sprechchören und Musik sind, die gestern zu hören waren: Die Ärzte haben meiner Meinung nach auch nicht ganz recht mit „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist“: Unser Denken und unsere Taten von gestern formen unsere Gegenwart. Und da WIR ALLE (Erwachsenen) schon ein paar Jahre auf der viel zu warmen Erde sind und in der Vergangenheit nicht wirklich umweltfreundlich gehandelt, die Verantwortung an „die da oben“ abgegeben und viel zu eng gedacht haben, haben wir nun den Salat. Auch hierfür gilt: We have the power oder auch Die Macht ist in dir …

Bei aller Euphorie und dem Einsatz für eine „gute Sache“ sollten wir also nicht vergessen:

– Wenn wir die Verantwortung abgeben, machen wir es uns nicht nur sehr einfach, sondern wir machen uns klein. Sich selbst klein zu machen ist das Gegenteil von Selbstermächtigung. Die Gefahr ist also groß, dass das gute Demo-Gefühl bald verpufft – in jede*r von uns und in der Gesellschaft insgesamt. Damit ist auch wieder niemandem geholfen, am wenigsten der „guten Sache“.

– Die Herausforderungen von heute und morgen können wir nicht mit Denken, Wissen und Taten von (vorvor-)gestern lösen. Vielmehr ist es nötig, dass wir unseren eingeschränkten Horizont erweitern, uns entscheiden, was wir (nicht) wollen und danach handeln. 

Also lasst uns endlich wirklich frei werden und diese unsere Macht endlich wirklich nutzen! Für uns alle und für das Klima.

Auch wenn sich hier vieles negativ liest, möchte ich diesen Artikel positiv verstanden wissen und als Plädoyer: dafür, dass wir Menschen uns be-freien, d. h. freier, weiter, unabhängiger werden

– zuallererst im Denken und in der Folge bestenfalls

– von Firmen, Geld, Politik und allem, was dazu gehört.

Was denkst du? Ich freue mich über Kommentare.

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